Hausuhrwerk „Agul“ und Westminsterschlag

“Neues Hausuhrwerk „Agul“ und Westminsterschlag mit selbsttätiger Richtigstellung des Schlagwerkes, D. R. P. Nr. 231204.

In der Nummer 19 des Jahrgangs 1910 brachten wir die Beschreibung von zwei neuen Hausuhrwerken, 1/2- und 3/4-Schlag, der Aktiengesellschaft für Uhrenfabrikation in Lenzkirch. Heute wollen wir eine weitere Neuheit dieser Firma, Hausuhrwerk „Agul“, 4/4- und Westminsterschlag mit patentierter selbsttätiger Richtigstellung des Schlagwerkes, beschreiben. Die hohen Ansprüche, welche von seiten der Uhrmacher, sowie vom Publikum in bezug auf sicheres Funktionieren der Werke, Gongs usw. gestellt werden, hat Veranlassung gegeben, gerade an obengenannten Werken alle Konstruktionskunst anzuwenden, um nach jeder Richtung hin, eine vollendete Bauart zu erreichen. Zunächst war es notwendig, eine möglichst einfache Kadraktur zu finden, die die Fehlerquellen der bisher bekanntenkomplizierten Konstruktionen in Wegfall bringt; denn je einfacher die Konstruktion, desto sicherer das Funktionieren. Die bekannten Doppelschlagwerke mit Doppelrechen waren äusserst kompliziert und daher in der Funktion unsicher, was bei Werken mit Viertelschlagscheiben nicht der Fall war. Indessen haftete diesen Schlagwerken wiederum ein Nachteil an. War das Schlagwerk einmal in Unordnung geraten, so war eine Richtigstellung der Kadraktur nur durch Nachschlagenlassen von Hand möglich, was jedoch wiederum von fachkundiger Seite geschehen musste, da dem Laien die Wirkungsweise der Mechanismen nicht geläufig sein kann. Auch müssen bei Westminsterschlaguhren die Viertelstunden in bedingten Tonfolgen geschlagen werden, was sogar nicht einmal bei den komplizierten Doppelrechenwerken der Fall war. Die Aufgabe war nun, ein Werk zu schaffen mit denkbareinfacher Konstruktion, welches stets richtig schlägt, unter gleichzeitiger Innehaltung der richtigen Tonfolgen. Dieses Problem ist durch das im Inseratenteil abgebildete Werk gelöst, indem dasselbe allen obigen Bedingungen in vollkommenster Weise entspricht. Wie aus der Abbildung ersichtlich, ist die Konstruktion trotz der grossen Vorzüge ausserordentlich einfach. Das Werk besitzt nur einen Rechen und zwei Auslösungshebel. Ferner hat das Viertelschlagwerk nur eine Viertelscheibe mit einem verschiedenhoch ausgebildeten Zahnkranz, was durch zwei Stifthöhen am Viertelrohr bedingt ist. Die Wirkungsweise ist folgende: Angenommen, das Werk ist durch unregelmässige Bedienung, durch Ablaufen- oder Schlagenlassen aus der Reihe gekommen, so wird die Viertelscheibe am 4/4-Zahnkranz, da derselbe höher ist, nur durch den hohen Vollstift am Viertelrohr ausgelöst. Sollte das Werk in einer anderen Zeitstellung zur Viertelscheibe stehen, so wird der niedrige Stift am Viertelrohr den Korrektionshebel mit Einfallnase nicht aus der Viertelscheibe herausheben, und diese stösst dann den um seine Achse drehbaren Hebel zur Seite, wobei derselbe in den Bereich des Windfanges kommt und das Werk sperrt. Das Schlagwerk bleibt nun so lange in Ruhe, bis durch den hohen Vollstift des Viertelrohres die Auslösung so weit ausgehoben wird, dass der Korrektionshebel über den hohen Rand der Viertelseheibe kommt. Dadurch springt dieser durch die an der Rückseite befindliche Feder wieder in seine frühere Lage zurück und gibt den Windfang frei. Das Werk steht nun in Warnung. Gleichzeitig hat auch der lange Auslösehebel die Einfalle und den Rechen freigegeben, greift aber mit dem oberen Arm in das Anlaufrad und hält dieses fest. Beim Abfallen der Auslösung vom Vollstift schlägt das Werk jetzt die richtigen4/4-Schläge und hinterher die volle Stunde. Das Werk hat sich korrigiert, also selbsttätig richtig eingestellt und der Schlagstimmt jetzt genau wieder mit der Zeigerstellung überein. Infolge dieser Konstruktion bedarf ein derartiges Werk keiner Einstellung des Schlagwerkes, denn es schlägt stets richtig, untergleichzeitiger Innehaltung der richtigen Tonfolge.  Diese Neuerung wird sicher bei allen Fachleuten ungeteilten Beifall finden, denn jeder Uhrmacher weiss, wie unangenehm es ist, wenn bei bereits verkauften Westminsteruhren das Schlagwerk in Unordnung gerät. Durch dieses eigenartig konstruierte Werk ist der Uhrmacher allen bisher gehabten Unannehmlichkeiten, die er beim Verkauf von Westminsteruhren hatte, enthoben. Auch der Gongschlag ist bei diesen Uhren wundervoll abgestimmt, genau nach Art der Westminster-Abtei in London. Die Viertel schlagen auf einzelnen Stäben, während die volle Stunde auf vier harmonisch abgestimmten Gongstäben, sogen- Sonorgong ertönt. Die ganze Serie „Agul“-Hausuhrwerke, 1/2, 3/4, 4/4 und Westminsterschlag hat die Aktiengesellschaft für Uhrenfabrikation in Lenzkirch in einem Spezialkatalog zusammengestellt, der Interessenten gern kostenlos zugesandt wird. Ein Westminster-Federzugwerk gleicher Konstruktion bringt die Firma im Verlaufe des Sommers auf den Markt.”

Allgemeines Journal der Uhrmacherkunst 1911 (Band 36, Nr. 4, Seite 55)